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Warum ich mit Planespotting aufgehört habe

30. Sept.
5 Min. Lesezeit

Eigentlich stimmt der Titel nicht ganz. Ich habe nie aufgehört, Flugzeuge faszinierend zu finden. Ich kann noch immer viel zu lange einer seltenen Registration hinterhergoogeln, freue mich noch immer, wenn irgendwo etwas Besonderes auftaucht, sammle noch immer Regis, pflege meine Datenbank und kann mich erschreckend lange damit beschäftigen, alte Bilder zu sortieren. Und wenn irgendwo eine C-130 angekündigt ist, dann denkt ein Teil von mir selbstverständlich: Die möchte ich sehen.


Vielleicht ist genau das der Punkt. Ich habe nicht mit Planespotting aufgehört, weil ich Flugzeuge plötzlich langweilig fand. Ich habe aufgehört, weil Planespotting irgendwann aufgehört hatte, das zu sein, weshalb ich es einmal geliebt hatte.


Früher fuhr man mit Freunden nach Zürich. Nicht, weil um 14:37 Uhr irgendein spezieller Flieger kommen sollte. Nicht, weil man vorher drei Apps, fünf Gruppen und den Flugplan konsultiert hatte. Man fuhr einfach an den Flughafen. Kamera einpacken, Freunde treffen, irgendwo hinstellen, Flugzeuge anschauen. Und dann blieb man da. Vielleicht kam etwas Besonderes, vielleicht auch nicht. Eigentlich war das gar nicht so wichtig. Wichtig war, dass man zusammen dort war.


Wir haben geredet, gelacht, irgendeinen Blödsinn gemacht und nebenbei Flugzeuge fotografiert. Manchmal wurden wir von Mücken halb aufgefressen, manchmal haben wir uns den Arsch abgefroren, manchmal wurden wir komplett verregnet oder strandeten irgendwo. Und genau deshalb erinnere ich mich heute noch daran. Es gibt Spottingtage von damals, bei denen ich Jahre später noch das exakte Datum wusste – nicht unbedingt, weil an diesem Tag irgendeine wahnsinnig seltene Registration gekommen war, sondern weil es eine Geschichte dazu gab. Der Flieger war ein Teil dieser Erinnerung. Ich finde heute manchmal ein altes Bild und weiss sofort wieder, wer neben mir stand, wie das Wetter war, was an diesem Tag passiert ist oder welcher dumme Spruch fiel.

Und dann gibt es andere Bilder, bei denen ich denke: Wann war das nochmals? 2017? 2016? Obwohl der Flieger darauf wahrscheinlich viel spezieller war.



Irgendwann hatte sich etwas verändert. Ich weiss nicht, ob sich die Community verändert hat, ob ich mich verändert habe oder ob wahrscheinlich einfach beides passiert ist. Aber gefühlt ging es immer weniger um diese gemeinsamen Tage. Es ging darum, wer mehr hatte. Wer hatte die seltenere Registration? Wer hatte die bessere Perspektive? Wer hatte Sonne?Wer hatte den Flieger schon? Wer hatte das Bild zuerst online?


Plötzlich konnte selbst ein Glückstreffer erstaunlich schnell seinen Zauber verlieren. Du erzählst begeistert, was du gerade erwischt hast, und statt eines gemeinsamen „Alter, wie geil!“ kommt: „Den hab ich schon.“ Oder: „Ich hab den mit Sonne.“ Oder: „Der ist ja öfters da.“ Sachlich gesehen mögen diese Antworten sogar stimmen. Emotional sind sie Gift.Denn aus einem Moment, über den man sich gerade ehrlich gefreut hat, wird innerhalb weniger Sekunden ein Vergleich.Dein Erlebnis wird nicht geteilt, sondern bewertet.


Und irgendwann fängt man selbst damit an. Ist mein Bild gut genug? Ist die Perspektive besonders genug? Ist der Flieger selten genug? Habe ich diese Registration schon? Lohnt es sich überhaupt? Das Hobby, bei dem ich einmal einfach mit Freunden einen schönen Tag verbracht hatte, bekam plötzlich etwas merkwürdig Kompetitives.


Vielleicht ist das Bild, das mir davon am stärksten geblieben ist, der Laptop an der Fotolocation. Nicht abends zuhause, nicht nach einem tollen Tag – direkt dort. Laptop auf, Speicherkarte rein, Bilder auswählen, bearbeiten, hochladen. Weil andere sie sonst vorher online haben könnten. Heute denke ich mir: Warum? Der Flieger fliegt dadurch nicht schöner. Das Bild wird dadurch nicht besser. Die Erinnerung wird dadurch nicht wertvoller. Aber damals fühlte sich diese Geschwindigkeit irgendwann normal an. Der Fokus verschob sich immer weiter: vom Erleben zum Dokumentieren, vomgemeinsamen Tag zum Ergebnis, vom Hobby zur Jagd.



Am deutlichsten merke ich diesen Unterschied, wenn ich daran denke, wie Spottingtage früher aussahen und wie sie gegen Ende aussahen. Früher hiess es: „Wollen wir morgen an den Flughafen?“ – „Joa.“ Und dann war man dort. Stundenlang. Später wurde daraus: „Da kommt eine C-130.“ Also fährt man kurz nach Zürich. Zehn Minuten Spotting, C-130 fotografieren, naja, dann halt wieder nach Hause.

Natürlich möchte ich die C-130 sehen. Natürlich freue ich mich über sie. Natürlich würde ich mich vermutlich ärgern, wenn ich zuhause sitze und später die Bilder davon sehe. Aber gleichzeitig denke ich inzwischen: Ich möchte nicht nur die C-130. Ich möchte meinen Tag zurück.


Ich möchte wieder morgens losfahren, ohne zu wissen, was am Ende auf der Speicherkarte sein wird. Ich möchte irgendwo sitzen und mit Freunden Scheisse labern, während im Hintergrund Flugzeuge starten. Ich möchte drei Stunden lang nichts Besonderes sehen und trotzdem einen guten Tag haben. Und wenn dann plötzlich irgendetwas völlig Unerwartetes um die Ecke kommt, möchte ich mich darüber freuen können, ohne dass sofort jemand erklärt, warum sein Bild davon besser ist.


Ich möchte wieder Erinnerungen sammeln. Nicht nur Registrations.



Dann kam Corona. Planespotting war für mich schon vorher komplizierter geworden, aber Corona war letztlich der Todesstoss. Plötzlich war diese Selbstverständlichkeit weg. Flughäfen waren leer, Reisen eingeschränkt, soziale Strukturen unterbrochen. Das Hobby, das ohnehin immer stärker aus einzelnen „Targets“ statt gemeinsamen Tagen bestanden hatte, verlor noch mehr von dem, was es für mich einmal ausgemacht hatte. Und als die Welt langsam wieder normaler wurde, kam dieses alte Gefühl bei mir nicht einfach zurück. Ich hätte wieder anfangen können. Technisch gesehen zumindest. Kamera hatte ich noch, Interesse an Flugzeugen sowieso, und die Flughäfen standen auch noch dort, wo sie vorher standen. Aber irgendetwas war vorbei.


Dazu kommt etwas, das ich erst viel später wirklich verstanden habe: Planespotting war für mich nicht immer nur ein Hobby. Es war zeitweise auch eine Flucht. Der Flughafen war ein Ort, an dem ich lieber war als zuhause. Also blieb ich dort. Auch wenn es kalt war, auch wenn das Wetter beschissen war, auch wenn ich eigentlich längst hätte heimgehen können.


Man kann im Nachhinein sehr romantisch auf solche Erinnerungen schauen, und viele davon sind tatsächlich schön. Aber nicht alles daran war schön. Manchmal friert man nicht stundenlang an einem Flughafen, weil Planespotting das geilste Hobby der Welt ist. Manchmal friert man dort, weil einem dieser Ort gerade lieber ist als der Ort, an den man danach zurückkehren müsste.


Das zu erkennen, hat meinen Blick auf diese Zeit verändert. Vielleicht erklärt es auch, warum ich heute vorsichtig werde, wenn ich merke, dass es mich wieder stark zum Flughafen zieht. Nicht weil Zürich etwas Schlechtes für mich wäre, sondern weil ich nicht noch einmal aus einem Hobby einen Fluchtort machen möchte.



Und trotzdem fehlt mir etwas. Das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb LSPOspotter.ch wieder da ist. Weshalb ich alte Bilder durchgehe, Registrations nachtrage und mich eine schöne 757, ein A340 oder irgendein völlig absurdes Sonderding noch immer glücklich machen kann. Die Begeisterung war nie weg. Was mir fehlt, ist etwas anderes.

Mir fehlt dieses völlig zweckfreie: „Komm, wir gehen morgen spotten.“

Ohne Liste. Ohne Pflichtprogramm. Ohne Angst, etwas zu verpassen. Ohne Wettbewerb. Einfach Kamera einpacken und schauen, was passiert. Vielleicht kommt nichts. Vielleicht kommt genau der Flieger, den man seit Jahren einmal sehen wollte. Vielleicht regnet es. Vielleicht werden wir von Mücken zerfressen, frieren uns komplett den Arsch ab oder stehen am Ende irgendwo und fragen uns, wie wir eigentlich wieder nach Hause kommen.

Perfekt.


Denn genau an solche Tage erinnere ich mich heute noch. Nicht an die Tage, an denen ich zehn Minuten für eine Registration zum Flughafen gefahren bin.

Vielleicht habe ich also gar nicht mit Planespotting aufgehört. Vielleicht habe ich nur mit einer bestimmten Form davon aufgehört. Mit dem Sammeln um des Sammelns willen. Mit dem Vergleichen. Mit dem Gefühl, dass ein Bild weniger wert ist, weil jemand anderes denselben Flieger bei besserem Licht erwischt hat. Mit dem Gedanken, dass sich ein Tag nur gelohnt hat, wenn am Ende etwas Seltenes auf der Speicherkarte liegt.


Registrations sammeln? Hell yes. Meine Datenbank pflegen? Offensichtlich. Manche Dinge ändern sich nie. Einen seltenen Flieger erwischen? Natürlich freue ich mich darüber.

Aber wenn Planespotting wieder einen Platz in meinem Leben bekommt, dann möchte ich etwas anderes zurückhaben. Nicht das nächste perfekte Foto. Nicht die längste Liste. Nicht die seltenste Registration.


Ich möchte irgendwann wieder nach Hause kommen, die Speicherkarte in den Rechner stecken und bei einem Bild nicht zuerst denken:

„Geil, den hatte ich noch nicht.“

Sondern:


„Weisst du noch, was für ein verdammt geiler Tag das war?“



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